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Die "Tragödie an der Drau"

Von Italien über den Plöckenpaß kommend, gelangten im Mai 1945 etwa 25.000 Kosaken in das Gebiet von Oberkärnten und Osttirol. Neben den Kosaken kamen auch Kaukasier in den Lienzer Talboden. Die Einheiten  hatten auf der Seite der Wehrmacht für das nationalsozialistische Deutschland, gegen Stalin und die sowjetische Armee gekämpft. Sie standen unter dem Kommando verschiedener Befehlshaber unter anderem der russischen Offiziere Timofey Domanov, Pyotr Krasnov und Andrei Shkuro. Dabei waren die kämpfenden Einheiten alles andere als zimperlich oder harmlos, wenn es galt, einen blutigen Kampf gegen norditalienische oder jugoslawische  Partisanen zu führen. In Norditalien hatten die Nationalsozialisten den Kosaken eine neue Heimat versprochen. Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands bedrohte sie mit dem Tod oder zumindest der Verbannung nach Sibirien. Deshalb flohen sie in Richtung Österreich. In der Gegend um Lienz glaubte man sich in Sicherheit, wurde das Gebiet doch von britischen Truppen kontrolliert.

Im Tross der Kosaken befanden sich auch Frauen, Kinder, alte Menschen und tausende Pferde. Die Lebensgeschichten der Kosaken und ihrer Familien waren vielfältig. Neben Kosaken aus der Sowjetunion gab es eine größere Anzahl alter Emigranten, die nach dem Russischen Bürgerkrieg ins Ausland geflohen waren. Zentren der russischen Emigration waren unter anderem Frankreich und Jugoslawien. Von den jungen Kosaken waren viele in der Emigration aufgewachsen und kannten die "alte Heimat" nur als Sehnsuchtsort in den Erzählungen der Eltern und Großeltern. Ende Mai 1945 jedoch wurden, nachdem man die Führungsoffiziere verhaftet hatte, fast alle Kosaken interniert und an die Sowjetunion ausgeliefert. Auch deutsche und österreichische Wehrmachtsangehörige, die als Rahmenpersonal in Kosakenverbänden dienten, waren unter den Ausgelieferten. Diese militärische Operation dauerte in Osttirol und Kärnten mehrere Tage. Im Lager spielten sich infolge der brutalen englischen Vorgangsweise unbeschreibliche Schreckensszenen ab. Doch nicht alle Briten waren mit der Vorgehensweise einverstanden. Manche versuchten passiven Widerstand zu leisten. Mütter stürzten sich mit ihren Kindern in die Hochwasser führende Drau, Väter erschossen zuerst ihre Kinder, dann sich selbst. Nur wenigen gelang die Flucht in die Wälder rund um Lienz. Erst am 4. Juni begannen die Briten mit einer Überprüfung der Staatsbürgerschaft von vermeintlichen und echten Sowjetbürgern in ihrer Hand. Diese Überprüfungen rettete einige Kosaken vor der Übergabe an die Sowjetunion. Im Lager Peggetz lebten bis zum Jahreswechsel 1946/47 diese Kosaken gemeinsam mit anderen Flüchtlingen aus dem kommunistischen Machtbereich, vor allem Slowenen. Die gewaltsame Repatriierung zerriss Familien. So blieben z.B. Mutter und Kinder in Lienz aber der Vater wurde den sowjetischen Streitkräften übergeben.

Die Bevölkerung reagierte 1945 angesichts der großen Zahl von Kosaken mit Angst, Furcht und Misstrauen. Die Pferde fraßen innerhalb weniger Tage die Felder kahl. Die Vorbehalte gegenüber den "Fremden" waren deshalb sehr groß. Dennoch gab es  unterschiedlichste Kontakte zwischen Einheimischen und Kosaken, die von Hilfestellung bis zur Mithilfe an der Deportation  reichten. Nach der "Repatriierung" wurden die Kosakenlager nach allerlei Brauchbarem durchstöbert und untersucht, sodass sich noch heute zahlreiche kosakische Ausrüstungsgegenstände in Osttiroler bzw. Oberkärntner Privatbesitz befinden. Einige Kosaken, die sich durch Flucht und Versteck der gewaltsamen „Repatriierung“ entziehen konnten lebten bis an ihr Lebensende in Osttirol und Kärnten. Ihre Gräber, der Kosakenfriedhof und verstreute Einzelgräber sind Zeugen der Ereignisse im Jahr 1945. Die wenigen in der Region verbliebenen Kosaken, die kleine russisch-orthodoxe Gemeinde, Kosaken, Nachfahren und Interessierte aus aller Welt ermöglichten in Lienz immer wieder einen Blick in eine andere Kultur und Begegnungen.

Die Ereignisse liegen mittlerweile über 70  Jahre zurück. Nur wenig erinnert noch an die damalige Tragödie. Viele Zeitzeugen sind bereits verstorben. Die Nachfolgegenerationen sind sich über die Bedeutung der in ihrem Besitz befindlichen kosakischen Gegenstände nicht bewusst und so landen diese, weil das Wissen dazu fehlt, oft im Altwarenhandel oder auf dem Müll.

Der Verein und das an der Universität Innsbruck angesiedelte interdisziplinäre Forschungsprojekt „Kosaken in Osttirol“ bemühen sich die Ereignisse und Erinnerungskultur wissenschaftlich zu untersuchen und mitzugestalten. Die Gedenktafeln und Gräber sollen nicht Relikte aus der Zeit rund um das Kriegsende sein, die nur mehr wenige zu deuten wissen. Diese Erinnerungszeichen sollen viel mehr Anlass sein sich mit vielfältigen Aspekten  der Geschichte Osttirols, Österreichs, Europas und Russlands auseinanderzusetzen. Durch gemeinsames Forschen, Diskutieren und Gedenken sollen Begegnungen und Perspektivenwechsel möglich werden. 


 

Wissenschaftliche Auseinandersetzung, Erinnerungskultur und Völkerverständigung stehen im Zentrum unserer Arbeit.

Folgende Schlagworte fassen unsere Vereinstätigkeit zusammen:

Finden 
Bewahren 
Präsentieren 
Erinnern

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