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Familie Krasnov

Die Familie Krasnov ist einer der prominenten Familien der Kosaken und russischen Emigration im Allgemeinen, die im Frühjahr 1945 in Osttirol sind. Die Familiengeschichte zeigt die globale Dimension der "Lienzer Kosakentragödie" auf.

Sie wurden im Amlacher Hof untergebracht. Folgende Familienmitglieder waren in dem Anwesen in Amlach untergebracht General Pjotr Nikolajewitsch Krasnov (1869-1947), seine Gattin Prinzessin Lydia Fedorovna (+1949), Generalmajor Simon Krasnov (1893-?) und Großneffe Nikolai Krasnov (1918-1959).

Die Familie kann als ein Beispiel gelten für die alten Emigranten unter den "Lienzer Kosaken". General Pjotr Nikolajewitsch Krasnov konnte auf eine glanzvolle Karriere zurückblicken. 1888 hatte er die Kadettenschule beendet. Erste militärische Erfahrungen sammelte er im Ataman-Regiment der Leibgarde des Zaren. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs befehligte er eine Kosakeneinheit in Galizien. Während des gesamten Ersten Weltkriegs war in Kosaken- und Kavallerieverbänden als Offizier aktiv. Im Mai 1916 wurde er am Bein schwer verwundet. Im Auftrag der Kerenski-Regierung sollte er die Revolution in St. Petersburg niederschlagen, scheiterte und wurde festgenommen. Die Sowjets entließen ihn auf sein Ehrenwort sich nicht weiter an den militärischen Auseinandersetzungen zu beteiligen. Der Offizier floh ins Dongebiet. Dort wurde er im Mai 1918 zum Ataman gewählt. Er plante mit deutscher Hilfe eine Kosakenarmee aufzustellen um die Bolschewiken zu besiegen. Nach militärischen Niederlagen musste er 1919 zurücktreten und unterstellte seine Truppen dem weißen General Denikin. Nach Auseinandersetzungen unter den Weißen emigrierte er nach Deutschland und Frankreich. Dort engagierte er sich als Exilant gegen die kommunistische Herrschaft in der Sowjetunion und als Schriftsteller. Sein bekanntestes Buch ist "Vom Zarenadler zur Roten Fahne". Trauer um das untergegangene Zarenreich und ein Antikommunismus, der nicht frei von Antisemitismus ist, sind zentrale Motive seiner Publikationen. Im Exil pflegte er zahlreiche Verbindungen zu Kosaken und anderen Russen im Exil. Während der Zeit des Nationalsozialismus leitete er in Berlin ein „Zentrales Kosakenbüros“ und die „Hauptverwaltung der Kosakenheere“. Der greise General sah in einem Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland eine Chance den Kommunismus zu besiegen und Russland zu befreien. Während des Zweiten Weltkriegs war er vor allem eine Symbolfigur, die die Kosaken auf deutscher Seite zusammenhalten und motivieren sollte. So besuchte er 1943 Kosaken unter Führung von General von Pannwitz in Mielau und wurde freudig empfangen. 1944 war er gemeinsam mit Kosaken in einer Ausgabe der "Europawoche" zu sehen. Im Februar 1945 fuhr er mit seiner Gattin nach Norditalien zu den dort stationierten Kosaken in ihrer neuen Heimat "Kosakia". Dort versuchte er den Kosakenstaat zu organisieren. Gemeinsam mit anderen Kosaken strandete er auf der Flucht vor den Partisanen und der Roten Armee im Lienzer Talboden. Von den Briten wurde der hochausgezeichnete ehemalig zaristischem Offizier an die Sowjetunion übergeben. Obwohl er nie Bürger dieses Staates war. Im Jänner 1947 wurde er in Moskau nach einem Prozess hingerichtet. 2008 setzte sich der Ataman der Don-Kosaken und Duma Angeordnete Victor Vodolatsky für seine Rehabilitierung ein. Ein Teil des Nachlasses befindet sich in Kalifornien.

Seine Gattin Lydia wurde nicht an die Sowjets ausgeliefert. Ein mit General Krasnov befreundeter deutscher Offizier nahm sie auf. Sie verstarb 1949 in Bayern.

Der Großneffe Nikolaĭ Nikolaevich Krasnov (1918-1959) wurde ebenfalls in Osttirol von den Briten festgenommen und den Sowjets übergeben. Er überlebte die Haft in der Sowjetunion und konnte als jugoslawischer Staatsbürger die UdSSR verlassen. Er veröffentlichte seine Erinnerungen unter dem Titel "Verborgenes Russland: zehn Jahre Zwangsarbeit in sowjetischen Arbeitslagern". Das Buch erschien in zahlreichen Sprachen. Nikolai starb 1959 während eines Theaterbesuchs. Seine Angehörigen sagen er wurde vergiftet. Er ist am San Martin Cemetery in Buenos Aires beerdigt.

Simon Krasnov wurde 1893 geboren. Er diente als  zaristisch russischer Offizier unter anderem in der Leibgarde des Zaren. Als Offizier kämpfte er im russischen Bürgerkrieg unter dem Kommando von Pjotr Nikolajewitsch Wrangel (1878-1928). Er emigrierte in den Westen und lebte später in Paris und Berlin. Im Zweiten Weltkrieg wurde er als Offizier auf deutscher Seite mehrmals ausgezeichnet. 1944 heiratete er Dhyna Martchenko, ebenfalls eine russische Emigrantin. Sie sprach mehrere Sprachen und war als Übersetzerin tätig. Zu den Aufgaben des Generalmajors zählte unter anderem die Verbindung zu General Vlasov von der Russischen Befreiungsarmee (ROA) aufrechtzuhalten. Simon Krasnov wurde 1945 von den Briten an die Sowjets übergeben und starb in sowjetischer Haft. Dhyna Martchenko, ihr 1946 geborener Sohn Miguel und ihre Mutter konnten mit Hilfe eines chilenischen Diplomaten, der mit der Familie Krasnov aus der Zwischenkriegszeit bekannt war nach Chile ausreisen. Sie landeten im August 1948 in Valparaiso. Miguel machte dort als Offizier und im Geheimdienst Karriere. Miguel war in die Gewaltherrschaft von General Pinochet verwickelt. 2011 wurde er wegen Verbrechen während der Pinochet Diktatur in Chile verurteilt.

Eine Station des Themenwegs erinnert an der General und seine Familie sowie ihre Zeit in Osttirol.

Literatur:

Friedrich Paul Heller, „Mein ist die Rache“ eine Kosakenfamilie und die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, Nürnberg 2003

Gisela Silva Encina, Miguel Krasnov Prisoner for Serving Chile, Editorial Maye Ltda (Spanische Originalausgabe 2007, 1. Englische Ausgabe 2008)

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