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Kosakenkinder

Untrennbar mit der „Lienzer Kosakenträgodie” verbunden sind die Lebensgeschichten, der in Osttirol und Kärnten aufgewachsenen Kosakenkinder und ihrer Familien. In den Familien sind die Ereignisse in verschiedenen Formen weiterhin wirksam.

Zwei Kosakenkinder haben sich um den Verein verdient gemacht.

Sonja Walder und Michael Rainer haben 2006 den bisherigen Verein der Überlebenden und Angehörigen reorganisiert und zukunftsfähig gemacht.

Michael Rainer wurde am 29. September 1940 in Odessa geboren. Mit seinen Eltern Elena Borokovnova und Nikolei Michailovitsch kam er in den Wirren des Zweiten Weltkriegs nach Norditalien. Seine Mutter verstarb dort bei der Geburt eines weiteren Kindes. Sie wurde in Timau im orthodoxen Ritus beerdigt. Mit dem Vater und weiteren Angehörigen kam er bei Kriegsende in den Lienzer Talboden. Sein Vater, ein Arzt, starb bei der gewaltsamen Repatriierung der Kosaken durch die britische Besatzungsmacht. Michael konnte vor der Übergabe an die Sowjetunion gerettet werden. Der Meixner Bauer in Tristach nahm den Buben auf. Am Anfang hat er nichts gesprochen. Seine Muttersprache hat er verloren. Kurz vor der Einschulung musste der Bub zum Amtsarzt um gültige Papiere zu bekommen. Als sein Geburtsdatum wurde der 2. Juni bestimmt, der Tag an dem er zum Meixner kam bestimmt. Als neuen Namen bekam er den Hausnamen vom Meixner „Rainer". Von seiner Herkunftsfamilien blieben ihm ein Ausweis seiner Mutter, ein Löffel und zwei Fotos seiner Mutter und ihrer Schwestern. Nach der Firmung wurde Michael noch einmal katholisch getauft. Während der Kindheit erlebte er Ausgrenzung, Beschimpfungen und ein Lehrer sagte zu Michael:  „ Michael, du bist nichts, du kannst nichts, du weißt nichts, du wirst immer Knecht bleiben.“ Michael beendete erfolgreich die Fortbildungsschule in Tristach. Mit 18 Jahren ging er in die Schweiz. Dort arbeitete er auf verschiedenen Bauernhöfen. Anschließend arbeitete er bis zu seiner Pensionierung bei der Firma Roche im angrenzenden Deutschland. Eine Versetzung nach Schottland schlug er erfolgreich aus. Er wollte nicht im Land der Mörder seines Vaters arbeiten. Michael heiratete 1962 Hildegard, geb. Gerbig. Michael ist Vater von drei Kindern und stolzer Großvater. 1999 kehrte er nach Osttirol zurück und lebt in Stribach. Seit 1945 lebt Michael verfolgt von schrecklichen Erinnerungen, die auch seine Gesundheit immer wieder angreifen. Michael war von 2006 bis 2016 Obmann des „Vereins zum Gedenken an die Lienzer Kosakentragödie vom 1. Juni 1945“. Seit 2016 ist er Ehrenobmann. Michael ist Inhaber von verschiedenen Auszeichnungen.

Sonja Walder wurde in Lienz von einer Kosakin einer Einheimischen übergeben. Frau Hanser pflegte das kranke Kind gesund. Nach drei Monate reichten die Lebensmittel nicht mehr für Sonja und die eigenen Kinder der Familie. Nach einigen Suchen konnte eine neue Familie gefunden werden. Johann Köck aus Kartitsch hatte seiner Frau Maria in einem Brief aus jugoslawischer Kriegsgefangenschaft gebeten ein gutes Werk zu vollbringen. Von ihrer Schwester erfuhr Maria von Sonja, dem Kosakenkind. Sie schrieb ihrem Gatten, der einverstanden war das Mädchen bei der Familie aufzunehmen. Mit dem Fahrrad brachte Maria das Kind nach Kartitsch. Es wurde katholisch auf den Namen Sonja-Antonia getauft. Der Arzt schätzte als mögliches Geburtsdatum den 3. Juni 1943. 1947 kehrte Johann Köck aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zurück und die Familie wuchs um zwei Schwestern. In ihrer Kindheit wurde Sonja im Dorf wegen ihrer Herkunft oft angefeindet. Viele Männer aus dem Dorf Kartitsch waren an der Ostfront gefallen. Das „Russenkind“ bot eine Möglichkeit Frust abzulassen. Lange Jahre quälten schlimme Albträume die junge Frau. Nach dem Tod der Ziehmutter heiratete der Vater ein zweites Mal. Die Kinder aus erster Ehe verließen den Hof. 1966 heiratete sie Christian Walder aus Kartitsch. Mit ihm hat sie drei Söhne und lebt auf einem Bauernhof im Ort. Sie ist stolze Großmutter. Regelmäßig nimmt sie an Gedenkfeiern in Lienz teil.

Ein weiteres Kosakenkind ist auf einem Bauernhof in Osttirol aufgewachsen. Später zog es nach Kärnten, gründete eine Familie und starb 2012. Die Familie möchte anonym bleiben.

Nicht alle Kinder, die Einheimischen zur Pflege übergeben wurden, konnten vor der gewaltsamen Repatriierung gerettet werden. Michael erinnert sich an das Kosakenmädchen Zilla, das Aufnahme beim Brugger Bauern gefunden hatte. Nach einer Suchaktion der Briten war das Mädchen nicht mehr im Ort.

Ein Kosakenkind im weitesten Sinn ist Nikolaus Presnik. Bekannter ist der Kärntner unter seinem Künstlernamen Nik P. Sein Vater Nikolaj Presinkov, ein Terekkosake, floh aus Lienz in die amerikanische Besatzungszone. So konnte er sich der Auslieferung entziehen. Er heiratete eine Österreicherin und lebte in Kärnten. Angst und Erinnerungen prägten das Leben des Davongekommenen. Bei Besuchen von Kosakenfreunden trugen sie die alten Uniformen, erzählten Geschichten, sangen Lieder aus der alten Heimat und tranken Wodka. Der Sohn wurde in der Schule als „Russenbua“ beschimpft mit dem man nichts zu tun haben möchte. Das Lied „Ich will Frieden“ widmete er seinem Vater, der stolz auf seinen Sohn die ersten Auftritte in den 1980ern miterlebte.

Wissenschaftliche Auseinandersetzung, Erinnerungskultur und Völkerverständigung stehen im Zentrum unserer Arbeit.

Folgende Schlagworte fassen unsere Vereinstätigkeit zusammen:

Finden 
Bewahren 
Präsentieren 
Erinnern

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